Aus HOTELDRAMA

Die Frühstücksinvasion

Erzählt von Sebastian Lechner, Geschäftsreisender. Zimmer 412.

Aus HOTELDRAMA – Ein 24-Stunden-Liebesbrief mit Augenringen

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07:01 Uhr — Aufklärung

Ich stehe am Restauranteingang und versuche zu verstehen, wo ich bin. Mein Körper sagt: Nacht. Die Uhr sagt: 07:01 Uhr. Mein Spiegelbild in der Glastür sagt: Du siehst aus wie jemand, der sein Leben im Griff hat, aber den Griff gerade verlegt hat.

Ich bin der Erste. Nicht aus Ehrgeiz. Aus Erfahrung. Erster am Buffet heißt: Rührei noch nicht grau. Lachs noch nicht angetrocknet. Croissants noch nicht angefasst von Menschen, die glauben, Hygiene sei eine Empfehlung.

Ich habe 189 Euro für diese Nacht bezahlt. Das Frühstück ist inklusive. Inklusive. Das ist kein Angebot. Das ist eine Verpflichtung.

Mein System: Teller eins — Grundversorgung. Proteine. Kohlenhydrate. Die Basis der Zivilisation. Teller zwei — Vitamine fürs Gewissen. Obst, das ich nicht essen werde, aber dessen Anwesenheit mich moralisch entlastet. Teller drei — Belohnung. Bacon. Mehr Bacon. Die Menge Bacon, die mein Arzt nicht sehen darf. Teller vier — Reserve. Für den Fall, dass das Buffet schließt, bevor ich fertig bin. Für den Fall, dass die Welt untergeht. Für den Fall.

Manche nennen das Völlerei. Ich nenne es Risikominimierung. Bei 189 Euro pro Nacht ist jedes nicht gegessene Würstchen ein persönlicher Verlust.

07:14 Uhr — Die Invasion

Zuerst die Rentner. Pünktlich wie der Tod. Sie haben Systeme, die meine übertreffen. Jahrzehnte der Optimierung. Ich bin ein Amateur gegen diese Veteranen.

Dann die Familien. Laut. Unkoordiniert. Kinder, die Nutella als Hauptnahrungsgruppe betrachten. Eltern, die so tun, als hätten sie alles im Griff, während ihr Dreijähriger den Orangensaft-Spender als Kunstinstallation missbraucht.

Dann die Geschäftsleute. Meine Leute. Erkennbar am Blick: müde, aber fokussiert. An der Kleidung: sauber, aber nicht gebügelt. Wir nicken uns zu. Minimal. Professionell. Die Freimaurer der Frühaufsteher.

Ein Mann legt eine Frankfurter Allgemeine auf einen Stuhl. Aufgeschlagen bei „Wirtschaft". Ungelesen. Reviermarkierung. Klassisch. Effektiv. Das ist Zivilisation.

Eine Frau fotografiert ihr Croissant. Nicht einmal. Dreimal. Aus verschiedenen Winkeln. Mit verschiedenen Filtern. Das Croissant wartet geduldig. Ich frage mich, ob das Croissant später auf Instagram mehr Likes bekommt als ich jemals bekommen werde. Wahrscheinlich. Das Croissant hat auch die bessere Work-Life-Balance.

Neben mir fotografiert ein Mann sein Müsli. Sechsmal. Das Müsli sieht zunehmend verlegen aus. Ich frage mich, ob das Müsli dafür bezahlt wird. Wahrscheinlich nicht. Müsli ist in dieser Hinsicht wie Praktikanten: viel Exposure, wenig Vergütung.

07:19 Uhr — Bilanz

Teller eins bis vier sind leer. Mein Gewissen meldet: Obst nicht gegessen. Mein Magen meldet: Auftrag erfüllt. Mein Gehirn rechnet: 189 Euro geteilt durch geschätzten Warenverbrauch gleich akzeptabler Ertrag.

Ich lehne mich zurück. Der Kaffee ist mittelmäßig. Die Aussicht ist beige. Der Tag wird lang. Aber dieses Frühstück? Dieses Frühstück habe ich gewonnen.

07:31 Uhr — Der Lachs-Vorfall

Eine Frau im Business-Kostüm tritt ans Buffet. Haltung wie eine Staatsanwältin vor dem Schlussplädoyer. Sie betrachtet den Lachs. Lange. Zu lange.

Dann ruft sie — RUFT — quer durch den Saal: „Entschuldigung! Ist der Lachs wild oder gezüchtet?"

87 Menschen schauen auf. Der Lachs schaut nicht. Der Lachs ist tot. Und in diesem Moment wahrscheinlich froh darüber.

Wer nach dem Wildfang fragt, konsumiert nicht nur Proteine, sondern exekutiert seinen Anspruch auf Exzellenz. Dass dieselbe Frau vermutlich zu Hause den Räucherlachs im Plastik-Vakuumpack vom Discounter bezieht, ist die gastronomische Ironie, die das Service-Team schweigend mit in den Feierabend nimmt.

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Aus dem Gästehandbuch — Kapitel 5: Das zweite Frühstück

Ein moralisches Minenfeld

Ein All-inclusive-Frühstück ist kein Wettkampf gegen die Warenwirtschaft. Marco hat 200 Rühreier produziert, damit jeder eines bekommt. Nicht, damit Sie einen Protein-Wall um Ihren Tisch bauen, den Sie am Ende doch nicht essen.

Sie haben Frühstück gebucht. Sie haben bezahlt. Sie dürfen sich ein Brot einstecken. Aber: Das nennt man nicht Vorratshaltung. Das nennt man Wandertour auf Hotelkosten.

Faustregel: Wenn Ihr Rucksack beim Verlassen des Frühstücksraums schwerer ist als beim Betreten, war es zu viel.

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